Gangfisch im Strom der Zeit

Fischereitradition und der besondere Schützenanlass das Gangfischschiessen in Ermatingen

Kulinarisches Wunder oder einfach eine Delikatesse für die rund 2500 Schützen, die jedes Jahr das Gangfischschiessen am Untersee in Ermatingen besuchen? Eines ist sicher: Der Gangfisch ist etwas besonderes. Vielleicht muss man am See aufgewachsen sein, um das Besondere seines Wesens zu verstehen. Die Thurgauer Zeitung wollte es genau wissen und ist mit Berufsfischer Wolfgang Ribi in der Frühe hinausgefahren auf den See, wo er im flachen Wasser vor der Insel Reichenau seine Netze ausgelegt hatte.
         

Der Fischer
Mit schwärmerischer Romantik hat das nicht viel zu tun, wenn der Ermatinger Berufsfischer Wolfgang Ribi zur frühen Morgenstunde noch im Halbdunkel mit seiner Fischergondel den Ermatinger Hafen verlässt. Fischen ist harte disziplinierte Arbeit, ist Liebe zur Natur, ist Handwerk, ist Passion.
Wie alle Fischer ist auch Wolfgang Ribi auf dem Wasser eher schweigsam. Es ist, als wollte dieser Berufsfischer auf dem See etwas wieder finden, das im Laufe der Jahre an Land verloren ging: etwas Ursprüngliches, Seltenes.
Das Boot gleitet über die schwarz-grüne Wasseroberfläche durch die Nebelschwaden zur Insel Reichenau, die gerade von der Unesco als Weltkulturerbe anerkannt worden ist. Hier hat der Ermatinger Berufsfischer am Vorabend die Netze gesetzt.
         

In der Tiefe des Sees
Der Gangfisch gehört zur Felchenfamilie, hält sich aber normalerweise in sehr grosser Seetiefe auf. Der Name Gangfisch ist schon seit dem 13. Jahrhundert aktenkundig. In der Fischereiordnung von 1512 ist er als "gantvisch" erwähnt. Er ist kleiner als andere Felchenarten und hat grössere Augen, weil er in den Tiefen des Sees lebt.
"Erst jetzt zur Laichzeit kommt der Gangfisch ins flachere Gewässer, um zu laichen", so der Berufsfischer und nimmt einen für ihn "zu gross gewachsenen Fisch" aus dem Netz mit der Bemerkung: "Den kann ich nicht als Gangfisch brauchen, der ist viel zu gross."

 

Gangfische oder geräuchte Felchen
Kribbelig wird es immer so kurz vor dem Gangfischschiessen, wenn noch nicht klar ist, ob es Gangfische gibt oder einfach geräuchte Felchen. Es sind die Obrigkeiten der Fischerei, welche bestimmen, wann die Gangfische gefangen werden dürfen. Die genaue Ankunft im Laichgebiet gilt es abzuwarten. Es gibt Jahre, da passen Datum des Gangfischschiessens und die Daten der Natur nicht zusammen.
Der Gangfisch beginnt zirka Ende September seine Wanderung im Zellersee, Mitte Oktober ist er im Sandchrut unterhalb der Insel Reichenau und im November im Laichgebiet zwischen Ermatingen und Gottlieben, bis hinauf ins Paradies. Die Tradition zeigt, dass sich die Ankunft im Laichgebiet in der Zeitspanne vom St. Martinstag, 11. November, und zwölf Tage danach einpendelt.
         

Gangfische sollte man mit Ehrfurcht und Verstand geniessen
Eines ist klar: Es ist eine immense Arbeit und eine grosse Leidenschaft, bis der Gangfisch als echte Delikatesse präsentiert werden kann.
Das Räuchen der Gangfische ist laut Ribi "Gefühlssache". Seit letztem Jahr hat er die Tradition von der Familie Kreis übernommen und eine eigene Fischräuche gebaut.
(Die alte Fischräuche der Familie Kreis wurde ein Opfer des Hochwassers 1999.) Gangfischräuchen hat Stil und Charakter. Vom Salzen bis zum wohldosierten kalten Rauch mit Eichenholz, wobei auch nachts alle zwei Stunden aufgestanden werden muss, um für die richtigen Bedingungen während zweier Tage zu sorgen, ist mehr als nur Geduldssache; es ist Leidenschaft.

 

 

   

 

Auszug aus der Thurgauer Zeitung vom 2. Dezember 2000